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Erkundung der Pflanzenwelt der Lofoten, ein botanischer Erklärungsversuch…

- Text, Schema von Stéphane Martineau - (Fotos: Lofoten-wandern und Stéphane Martineau)

Berge Lofoten

Wilde, zerklüftete Berge, die aus dem Meer auftauchen… Das ist der erste Eindruck, den die meisten von uns haben, wenn sie die Lofoten-Inseln zum ersten Mal entdecken, aufgereiht in einer 160 km langen kleinen Bergkette von der Insel Hinnoya im Nordosten bis zum Leuchtturm von Skomvaer im Südwesten.
Die Berge der Lofoten bestehen aus den ältesten Gesteinen, die in ganz Nordeuropa anzutreffen sind. Man findet hier Monzonit, Mangerit und Gneiss, extrem erosionsbeständige Gesteine, welcher sie seit über 3 Milliarden Jahren trotzen. Die bedeutendsten landschaftlichen Veränderungen fanden im Zeitalter des Quartärs statt, also ungefähr seit 2,5 Millionen Jahren bis heute. Die Eiszeiten prägten das Landschaftsbild und verliehen ihm sein heutiges Aussehen mit zerklüfteten Bergen, isolierten Gipfelspitzen, ins Meer mündenden Trogtälern (Fjorde) und Meereskanälen, die die heutigen Inseln voneinander trennen sowie Stränden, die aus dem Zusammenspiel von Frost, Meereserosion und nach dem Rückzug zurückgelassenem Gletscherabrieb entstanden.
Die nördlich des arktischen Polarkreises gelegenen Lofoten sind einem anspruchsvollen Klima ausgesetzt, das durch die relative Temperierung des Golfstroms und besondere Lichtverhältnisse gemildert wird. Mitten im Sommer scheint die Sonne hier auch noch um Mitternacht: zwischen dem 28. Mai und dem 14. Juli bleibt sie über dem Horizont. Zwischen dem 7. Dezember und dem 5. Januar versinken die Inseln dagegen in Dunkelheit.

 

Gestein, Klima und Pflanzen…

Schema étages de la flore selon l'altitude aux LofotenAkzentuiertes Bergrelief mit Höhen von bis zu 1.100 m, Moränen, Gletscherseen, Talsenken, Alluvionsterrassen und Strände, wellengepeitschte Felsküsten, typische Gesteins- und Bodenarten, sehr variable Lichtverhältnisse und wechselhafte Klimafaktoren mit Schnee während eines Teils des Jahres, nicht zu vergessen der Einfluss durch den Menschen mit seinen Aktivitäten wie z. B. Tierhaltung, schaffen eine Reihe von Bedingungen, die die auf den Lofoten anzutreffenden Pflanzenpopulationen beeinflussen und bestimmen.
Topographie und Klima sind ausschlaggebend für die Vielfalt natürlicher Lebensräume und insbesondere der Vegetation. Die Aktivitäten des Menschen beeinflussen mehr oder weniger bestimmte Milieus durch Veränderung der Artenvielfalt, indem bestimmte Arten auf Kosten anderer bevorzugt werden (Weideflächen), zerstört werden (Entwaldung) oder indem Arten eingebracht werden, die sich an diesen Orten spontan nicht angesiedelt hätten, oder zumindest nicht so schnell. Aber alle heimischen Pflanzen sind speziell den Milieus angepasst, in denen sie wachsen.
 Auf den Lofoten sind in der Höhe typisch alpine Pflanzen anzutreffen, vor allem auf den süd- oder nordexponierten Felswänden, sowie Rasen. Die harten und erosionsbeständigen Gesteine, die keine tiefen und reichen Böden zulassen, eignen sich nur für Pflanzen, die einen geringen Nährstoffbedarf haben. Und dort herrschen auch die härtesten klimatischen Bedingungen, die von diesen Pflanzen die meisten Anpassungen verlangen, um dort leben und überdauern zu können. Aber aufgrund der extrem nördlichen Lage der Lofoten im Vergleich zu Südnorwegen und natürlich mehr noch zu den Alpen und den Pyrenäen, deren Vegetationsstufen so charakteristisch sind, kann man manche dieser alpinen Pflanzen sogar bis in Meereshöhe auf den felsigen Küsten und lehmig-marinen Ablagerungen der Strände und Alluvionsterrassen antreffen, wo sie ganz unerwartet neben Pflanzen mit ganz anderen Anforderungen wachsen.

 

Verschiedene Milieus im Verlauf einer Wanderung…

Strände und Mooren...

Je mehr man sich den Stränden und Mooren nähert, desto mehr sind die Pflanzen den Einflüssen des Meeres ausgesetzt. Manchmal kommt das Wasser ganz diskret, wie z. B. in den Moor- und Salzlandschaften, manchmal in hohen Wellen, etwa bei heftigen Stürmen an exponierten Stränden. Die Pflanzen befinden sich ständig abwechselnd unter und über dem Salzwasser. Für die Wurzeln ist der Boden stark salzhaltig. Durch den ständig wechselnden Wasserspiegel variieren auch Temperatur und Salzgehalt. Bei den Pflanzen, die am weitesten weg vom Wasser stehen, in den Dünen zum Beispiel, erhalten die oberirdischen Teile der Pflanze das Salz durch die Gischt und die unterirdischen Teile Süß- oder Salzwasser. Der Wind ist manchmal so stark, dass er Pflanzen ausreißen oder mit Sand bedecken kann. Es gibt zahlreiche Pflanzen, die das Salz ausscheiden, lange Wurzeln haben und ihre Verdunstung oder Salzbrand durch eine dicke Kutikula einschränken können.

Felsküsten...

Auf den Küstenfelsen leiden auch die Felsenpflanzen immer wieder unter den Wellen. Die, die weiter oben wachsen, sind zwar vor dem Meerwasser geschützt, sind aber dem Wind und der salzigen Gischt ausgesetzt. Man findet häufig Dickblattgewächse mit dicker Kutikula, die strauchartig beisammen stehen.

Alluvionsterrassen...

Auf den Alluvionsterrassen, ein Milieu mit reichen, fruchtbaren und tiefen Böden, sind zahlreiche Arten anzutreffen, die für die Küstenlandschaften und Ebenen der kollinen und montanen Höhenstufe typisch sind. Die Originalität Norwegens und insbesondere der Lofoten besteht wohl genau darin, in diesem Mosaik aus Naturräumen und Pflanzen an der Grenze zwischen Meer und Berghängen. Hier befinden sich auch die mehr oder weniger einzigen Böden, die vom Menschen landwirtschaftlich genutzt werden, mit der ganzen Bandbreite der entsprechenden, meist einjährigen Pflanzen.

Wälder...

Die Lofoten sind nicht sehr waldreich, doch es gibt immer noch einige spontane Laubwälder, vor allem klassische Birkenwälder der borealen Zone. Diese Wälder spenden Schatten sowie tiefe, feuchte Böden, so dass in ihrem Umfeld andere Pflanzenarten anzutreffen sind. Es fanden einige Aufforstungen mit Nadelhölzern statt, insbesondere Fichten, doch sind die Böden unter diesen permanenten Schattenspendern ärmer und saurer.

Teiche, Seen und Flüsse...

In den fließenden und stehenden Gewässern (Tümpel, Seen und Flüsse) stehen verschiedene Wasserpflanzen direkt mit den Füßen im Wasser. In unmittelbarer und weiterer Nähe zum Wasser sind die Ufer häufig mit feuchten Moosen und Uferpflanzen bewachsen.

Moore...

Die Moose sind reich an Sphagnum und speichern das Wasser wie Schwämme, die Moore sind sauer und nährstoffarm. Die dort anzutreffenden Pflanzen sind bestens an dieses spezifische Milieu angepasst, wie z. B. der Sonnentau (Drosera) der Gattung fleischfressender Pflanzen, der die Nährstoffarmut des Bodens durch tierische Proteine kompensiert.

Heidelandschaft...

Die Heidelandschaft ist „alpin“ ausgeprägt und zeichnet sich durch die Sträucher und Stauden der Landschaften mit sauren Böden aus; typische Pflanzen sind Heidekrautgewächse und Heidelbeeren, neben Flechten, Moosen und Gräsern. In den Alpen und Pyrenäen sind diese Landschaftstypen oberhalb von 1.500 m anzutreffen, aber wie bei den Rasen, Berggesteinen und Schneetälern auch, sinken sie in dieser borealen Zone weiter herab und erreichen manchmal sogar Meereshöhe. Hier kann man die Heidelbeeren daher am Strand pflücken…

Die alpinen Rasen...

Die alpinen Rasen, reich an meistens kleinen und farbenprächtigen Arten, werden hauptsächlich von Gräsern gekennzeichnet. Die Lage des Berghangs, sonnenexponiert oder nicht, bedingt die Zusammensetzung des Rasens und die pflanzliche Vielfalt.

Auf diesen Rasen kann sich der Schnee sehr lange halten und die Blütezeit verkürzen bzw. verschieben, insbesondere in den Schneetälern, in denen an manchen Hängen und in manchen Tälern den ganzen Sommer über Schnee anzutreffen ist.

Moränen, Gerölle, Steilhänge...

Moränen, Gerölle, Steilhänge… auf den Lofoten sind in allen Höhenstufen Berggesteine anzutreffen, freiliegendes Grundgestein oder Moränenmaterial, Findlinge oder Berghänge von Gletscherkaren. In den Alpen oder Pyrenäen sind sie mit der entsprechenden floristischen Bandbreite für höhere oder gar sehr hohe Lagen typisch. Im Vergleich dazu wachsen die alpinen Felsenpflanzen hier in diesen Breiten von Meereshöhe bis zu den Gipfeln, bis zur Schneegrenze, die hier bei 1.300 m liegen kann.

Sommerfrüchte …

Rubus chamaemorus LofotenBei den Erkundungen und Wanderungen auf den Lofoten können wir verschiedene Wildbeeren kosten, wie z. B. Heidelbeeren, Preiselbeeren, Brombeeren, Krähenbeeren und Johannisbeeren, der Star unter diesen Leckereien ist jedoch in den feuchten Heiden anzutreffen, eine Köstlichkeit, die im Mund zergeht und die „Moltebeere“ (Rubus chamaemorus) heißt. Sie ist rund um den nördlichen Polarkreis zu Hause und vor allem in der borealen Waldzone und der Tundra weit verbreitet. Im Englischen heißt sie „cloudberry“, und in der Provinz Québec nennt man sie „chicouté“ oder „plaquebière“ (von „plat de bièvre“, zu deutsch „Biebernahrung“). Auf Norwegisch heißt die Moltebeere „multebaer“ oder einfach nur „multe“.
Sie ist eine mehrjährige, leicht pelzige Kriechpflanze von relativ niedrigem Wuchs mit unbedorntem Stängel. Die Blätter sind einfach und rau, nierenförmig, gelappt und eingeschnitten. Ab Mitte Juni bilden sich einzelne, 20-30 mm große weiße Blüten, doch nur die weiblichen Pflanzen bilden auch wirklich die Früchte aus, da bei dieser Pflanzenart männliche und weibliche Blüten getrennt sind. Die im Sommer reifen, essbaren Früchte sind orangefarben und sie sind Sammelsteinfrüchte, wie auch die Brombeere oder die Himbeere. Ihr Geschmack ist säuerlich-süß und kommt dem von Litschis recht nahe. Rubus chamaemorus
 Anzutreffen ist diese Delikatesse in den Moor- und Heidelandschaften, Feuchtwäldern, auf sauren Torfböden und, was die Lofoten betrifft, quasi von Meereshöhe bis hinauf auf ca. 650 m. Die Moltebeere ist reich an Vitamin C und ihr Saft, der sich gut aufbewahren lässt, war auf See ein bewährtes Mittel gegen Skorbut. Roald Amundsen und seine Männer haben sich bei ihrer Südpolexpedition konservenweise von diesen Früchten ernährt. Sie war für die Familien in Nordnorwegen immer sehr wichtig, so dass Regelungen vorsahen, dass die Beeren nur von den Eigentümern der Grundstücke gesammelt werden durften, auf denen sie wuchsen. Die Moltebeere hat eine echte wirtschaftliche Bedeutung und heute werden verschiedene Varietäten kultiviert. Hier und da kann man sie aber immer noch pflücken und sie wird in kleinen Schälchen auf den lokalen Märkten verkauft. Sie kann sofort gegessen oder z. B. zu Saft, Kuchen, Marmelade, Gelee oder Likör verarbeitet werden.

 

Stphane Martineau

Text, Schema und Fotos von Stéphane Martineau, www.via-camina.fr

Als Bergwanderführer und ausgebildeter Biologe ist Stéphane Martineau vor allem Autodidakt und Naturliebhaber. Er übt seine Leidenschaft vor allem in den Pyrenäen aus, wo er Wanderaufenthalte organisiert und thematische Wanderungen zur Erkundung der Naturräume, der Flora und der Fauna durchführt. Er ist Co-Autor mehrer Natur-Wanderführer über die Pflanzen- und Tierwelt in den Pyrenäen und hat mehrere Bücher über essbare Wildkräuter geschrieben.

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